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Umbrien is calling

Die gebürtige Münchnerin Ruthild Heimann arbeitete fast 14 Jahre lang als Ergotherapeutin im Südtiroler Kinderdorf. Nach ihrer Pensionierung im März 2023 ist sie wieder in ihre Wahlheimat Umbrien zurückgekehrt. Zurück zu ihrer Familie, dem Hof, dem Leben inmitten der Natur. Von dort war sie 2009 aufgebrochen, um nach Südtirol zu ziehen. Wir erreichen sie via Telefon: Ein Gespräch über das, was war, hie und da unterbrochen von umbrischen Funklöchern.

Kido: Ruthild Heimann, Sie leben jetzt wieder in Umbrien. Wie kommt`s? 

Ruthild Heimann: Ich lebte bereits hier in Umbrien, bevor ich nach Südtirol kam. Jetzt lebe ich wieder auf unserem Bauernhof, wo mein Mann lebt und unsere zwei Töchter groß geworden sind. Ich war 25 Jahre alt, als ich hierhergezogen bin und mich in Land, Tiere und Mann verliebte. Wir haben hier sehr schöne Jahre verbracht, sehr frei, in einem Gemeinschaftsprojekt.

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Kido: Wie wurden Sie auf das Südtiroler Kinderdorf aufmerksam?

H.: Ich bin Ergotherapeutin, mit Weiterbildungen in systemischer Familientherapie und Kunsttherapie. Als junge Frau war ich in der evangelischen Jugendarbeit tätig und als meine Töchter erwachsen wurden, hatte ich große Lust wieder mit Jugendlichen zusammen zu arbeiten. In Umbrien Arbeit zu finden, ohne Beziehungen, war schwierig. Ich las eine Annonce, schrieb eine E-Mail an die Direktion und wurde vom Fleck weg zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Ich kannte die SOS Kinderdörfer aus Deutschland und hab mich immer sehr gewundert über die Publikationen, denn da wurde immer alles so schön gerührt. Ich war neugierig auf dieses Südtiroler Kinderdorf, und dachte mir das erste Mal: Das sieht ja wie eine Reihenhaussiedlung aus. Ich habe dann in einer Jugendwohngemeinschaft angefangen zu arbeiten.

Kido: Wie funktioniert die Ergotherapie?

H.: Der ergotherapeutische Ansatz ist ein holistischer. Der ganze Mensch wird in seiner Handlungsfähigkeit betrachtet, körperlich, psychisch und geistig. Ergos bedeutet schöpferisch tätig sein und geht auch der Frage nach: Wie bewegen sich Menschen im Alltag? Als ich das erste Mal in die JUWOG kam, lagen einige auf dem Sofa rum, es gab wenig Programm in den langen Ferien. Ich habe geschaut, wie wir sie in Bewegung bringen. Ich hatte bereits meine eigenen Kinder durch die Pubertät gebracht, brachte Erfahrung im Zusammenleben mit und habe dann in alle Richtungen versucht meine Ideen umzusetzen, auf Leitungsebene, aber auch bei den Jugendlichen. Was sich als schwierig herausstellte, war am Anfang mein Alter: Ich war 53 Jahre alt und mit Abstand die Älteste im Team und unter den Jugendlichen. Ich habe auch Ablehnung erfahren, in Richtung „Was will die Alte“! Damit musste ich auch erst klar kommen. Ansonsten habe ich in der Arbeit mit den Jugendlichen viel mit Tieren gearbeitet und meine drei Esel aus Umbrien nach Brixen gebracht. Tiere sind gute und angenehme Partner in der Beziehungsarbeit!

Kido: Wie haben Sie die Jugendlichen erlebt, damals 2009 – und was hat sich verändert über die Jahre?

H.: Ich habe die Jugendlichen damals sehr aggressiv erlebt und auch gewalttätig. Sie haben viel kaputtgeschlagen und sind auch gegen die Erzieherinnen und Erzieher vorgegangen. Diese Aggressivität hat sehr nachgelassen, als das Handy mehr und mehr Platz einnahm. Die Jugendlichen schauten nur noch aufs Handy, aber die Selbstverletzungen haben zugenommen, besonders bei den Mädchen. Die Aggressionen haben sich generell eher nach innen gekehrt. Die Handys wurden ein starker Konkurrent für uns, bis dann auch Regeln eingeführt wurden.

Kido: Sie sind ein kritischer Zeitgeist, hinterfragen vieles und gehen gern neue Wege, auch in der Arbeit mit den Jugendlichen. Sie haben z.B. das Großstadttraining eingeführt...

H.: Ja, wir sind viel gereist, nach London, Paris, Rom. Es mussten Großstädte sein, wo man sich orientieren lernt und sich überwinden muss, z.B. alleine nach dem Weg zu fragen. Die Voraussetzung dafür waren durchlaufene Selbstsicherheitstrainings. Wir haben für die Paris Reise eine Crowdfunding Kampagne ins Leben gerufen, die Big City Challenge 2018. Die Jugendlichen hatten mehrere Aufgaben durchzuführen: Sie mussten sich selbst orientieren, sie mussten Metrotickets kaufen, Fahrpläne lesen, sich allein durch den Großstadtdschungel kämpfen. Das gab den jungen Menschen Selbstvertrauen, stärkte sie. Eine wunderbare Erfahrung. Neben diesen Trainings haben wir auch verstärkt eine Zusammenarbeit mit den Eltern gesucht. Wir wollten wissen, aus welchem Umfeld die Jugendlichen zu uns kamen. Ich habe die Jugendlichen gebeten, eine Skizze der Elternwohnung anzufertigen. Durch diese Skizze kamen viele Dinge zur Sprache, über die wir sonst sicher nie gesprochen hätten. Als wir mit diesen Skizzen zu den Eltern kamen, wurde uns vieles klarer. Ein Junge malte zum Beispiel nicht nur seine Wohnung, sondern auch die umgebenden Wohnungen, ziemlich detailliert. Beim Besuch bei den Eltern erzählte man uns dann, dass es in einer der Nachbarwohnungen zu Übergriffen kam. Wir erhielten ein viel umfassenderes Bild über den Jugendlichen und seinem Verhalten. Da ist vieles ins Rollen gekommen, bei den Eltern, aber auch bei den Jugendlichen. Mit einigen bin ich auch heute noch in Kontakt, vor allem mit einigen Mädchen hat sich eine große Verbundenheit entwickelt. Ich freue mich sehr, dass einige junge Frauen, die heute selbst Mütter sind, den Kreislauf durchbrechen konnten und heute ein gutes Leben führen. Die Menschenarbeit hört ja nie auf, nur weil jemand das Kinderdorf verlässt.

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Kido: Es gibt sehr viele junge Mitarbeiter:innen im Kinderdorf, wie wichtig ist die Teamarbeit?

H.: Sehr wertvoll! Sehr wichtig! Jede und jeder hat seinen eigenen Blick, hat sein Gespür, die Puzzleteile werden zusammengefügt. Es arbeiten viele junge Frauen hier als Sozialpädagoginnen und Therapeutinnen, da bin ich durch mein Alter her schon aufgefallen. Die „Alte“ (lacht). Ich war immer schon ein kritischer Mensch und hinterfrage vieles, auch gewisse Regeln, die von den Erzieherinnen und Erziehern aufgestellt wurden. Da gab es schon Reibung, aber ich hatte immer diesen therapeutischen Blick: Sind diese Regeln oder Maßnahmen, die getroffen werden, auch gut für die Zukunft des Jugendlichen? Bringen die was in der Zukunft? Da habe ich sicher immer wieder genervt und vielleicht sind manche jetzt auch einfach froh, dass ich weg bin und nicht mehr alles hinterfrage (lacht). Ich genieße jetzt hier in Umbrien meine Pension, mit 67 Jahren, und bin nicht mehr eingeklemmt zwischen den Terminen. Ich freue mich aber sehr über alle Nachrichten und Fotos, die ich aus Südtirol bekomme und auch über Besuch. Ich teile mein schönes Umbrien gern mit vielen lieben Menschen!