Warum hat das Kinderdorf Lamas, Esel und Ziegen?

© 2019 Magnus CMSPlus

Tierischer Nachwuchs im Südtiroler Kinderdorf: zwei kleine Ziegen kamen im Sommer zur Welt und weiden jetzt auf der Wiese unterhalb des Thalhofers. Aber was machen die da eigentlich mit den ganzen Tieren?


Tierbegleitete Aktivitäten im Kinderdorf

 © 2019 Magnus CMSPlus

Lange Hälse recken sich, große runde Augen beobachten aufmerksam die Wanderer längs der Thalhofer-Mauern. Vom Hang gegenüber läuten Schafglocken, Zicklein springen quer über die Weide. Unweit dröhnt ein Eselsschrei, lange Ohren drehen sich in Richtung Mensch.

Wie selbstverständlich spazieren Hunde durch den Haupteingang.
„Was ist da los im Südtiroler Kinderdorf? Was machen die da mit den Tieren?“, mögen sich  Brixner, Touristen und Eltern fragen.

Seit etlichen Jahren schon wird die Ergotherapeutin bei ihrer Arbeit auch durch  Tiere unterstützt und das kann recht unterschiedlich aussehen:
Von reinem Tierversorgungsbereich über Touren und Eselsführerscheine  zu ergotherapeutischen Aktivitäten mit gezielt ausgewählten Themen wie Ich-Stärkung, soziale Fähigkeiten und Arbeitsperformance.

Sie nutzt die Tiere je nach gewünschten Eigenschaften.

  • Lamas: weich, scheu, vorsichtig interessiert,
  • Ziegen und Zicklein: lebenslustig und neugierig,
  • und die Esel dagegen: ruhig, eigenwillig  und menschenzugewandt.
  • Mit ihrem Pflegehund hatte sie einen wichtigen Mitarbeiter, momentan ist der Platz vakant.
  • Die Schafe sind eher eine  gemütliche Hintergrundkulisse  mit besorgt blökenden Muttertieren.
  • Katzen, Hasen und Hühner dürfen direkt in Hausnähe mitleben.

Seit gut zwei Jahren obliegt die reine Tierversorgung einem unserer Hausmeister, der sich zusammen mit Torsten, einem ehemals betreuten Jugendlichen, um das tägliche Wohl der Tiere kümmert.
Am Wochenende schaut Anna aus der Jugendwohngemeinschaft zuverlässig nach, ob alles in Ordnung ist, und ambitioniert wie sie ist, erprobt sie zusätzlich ihr Wissen aus Reittherapie und Horsemanship (tiergerechte Kommunikation) an den Eseln.

 

Schon zum dritten Mal fand dieses Jahr unsere Trekkingtour nach Schalders statt.

Für  Esel, Kinder und erwachsene BegleiterInnen  sind die Tage  eine besondere Zeit - mit ihrem langsamen Rhythmus, dem direkten Naturerleben, den vielen kleinen Entdeckungen und Abenteuern. Gestärkt und etwas wehmütig steigen alle nach erlebnisreichen Tagen und mit leichter beladenen Esel dann wieder ins Brixner Tal.

© 2019 Magnus CMSPlus

Dieses Jahr ist zwar kein Esel auf nasser Brücke ausgerutscht, dafür hörte es am Heimweg so gar nicht auf zu regnen: munter jedoch schlupften alle in ihre Regenjacken, empfindliches Lastgepäck wie Schlafsäcke und Essen verschwand unter den Militärdecken, so dass die Esel wie Gespenster aussahen und  weiter ging's bergab ohne ein einziges Murren oder Gestöhn, außer ein wenig vielleicht - von den Erwachsenen.

 

Inzwischen ergab sich auch das erste halbtägige Lamatrekking.

Da haben alle Beteiligten viel gelernt: die Lamas mehr Gelassenheit, die Kinder mehr Vorsicht. Nach 4 Stunden waren alle voneinander angetan und das weiche Fell stach sogar in der Beliebtheitsskala die Esel aus.

© 2019 Magnus CMSPlus

Warum mit Tieren arbeiten?

Beim ergotherapeutischen Arbeiten mit Unterstützung der Tiere gibt’s eine Menge begeisterter Kinder, etwas wenig Zeitbudget und unterschiedlichste Zielvorstellung.

Ein Glücksfall war Fabian, der zur Ergotherapeutin  kam und sagte:“ Du, ich will keine Angst mehr vor deinem Hund haben!“. Das ging recht schnell, Klarheit und Entschiedenheit konnten wachsen, aber auch Differenzieren im Umgang mit Tieren, denn Fabian hätte daraufhin gern jeden Hund auf der Straße freudig begrüßt.

Zielangabe der Kinder ist zumeist jedoch, einfach die Lust mit Tieren etwas zu unternehmen, einen der „Führerscheine“ für gekonnten Umgang mit den Eseln zu machen, zu reiten oder auch sich Trost und Zuversicht zu holen.

In Absprache mit den ErzieherInnen fügen sich  Ziele wie  Selbstvertrauen gewinnen, Körperbewusstsein und Koordination, Achtsamkeit, Ausdauer, Abgrenzung etc. mit ein.

Manches lässt sich  spielerisch mit viel Spaß üben z.B. „Regelfolge achten und einhalten“ beim Angelspiel mit dem Hund. Umsicht und Kraftdosierung beim Legen einer Riechspur für den Hund, beim Kraulen der Esel, beim Halten eines kleinen Lamms. Auch steigt der Hund nur mit in die Hängematte, wenn Entspannung  eingekehrt ist.

 

Einige Kinder erleben  Ruhe- und Kraftpausen durch den Tierkontakt.

Andere erkunden Fell, Körper und Ausscheidungen oder beobachten und imitieren das Tierverhalten und ziehen anthropomorphe Schlüsse. Manchmal stimulieren die Lamas zu aufrechter Körperhaltung und -koordination.

Wichtiger Punkt ist stets das höfliche leise Reden mit den Tieren, das eigenständige Planen und  Durchführen von Aktionen. So muss z.B. die selbstgestellte Aufgabe „3 Esel sind im Stall, mit einem möchte ich arbeiten“, gut durchdacht und reihenfolge-gerecht aufgeteilt sein, sonst stürmen alle Drei in die große Freiheit.

Bisweilen wird das Erlebte nicht über Worte, sondern mittels Bild- und Tonarbeit nach“besprochen“.

In der Kennenlernphase, zu Beginn des Einlebens in die integrative Jugendwohngemeinschaft Juwog, findet mindestens eine Einheit mit Tierbegegnung statt. Im Beobachtungsvordergrund steht dabei die   wechselseitige Kontaktaufnahme, Umgang mit Angst/angemessener Vorsicht, Neugierde, Nähe/Distanz-Verhalten,  eventuelle auch Ekelgefühle/Abwehr, Sich-Einlassen-Können, bevorzugter Wahrnehmungskanäle und Ausdauer.

Die Lamas als besonders scheue und sensible Tiere können dabei  die emotionale Grundhaltung ihres Gegenübers aufzeigen.  Immer erzählen die Jugendlichen dabei entspannt über eigene Tiererfahrungen. Danach hängt es von der ergotherapeutischen Zielsetzung und der Neigung der Jugendlichen ab, ob weiterhin die Tiere in Einsatz kommen.

 

Unterschiedliche Thesen untermauern den Wert der tiergestützten Arbeit.

Auch wenn Wirkfaktoren eher erfahrungsgemäß als rein wissenschaftlich absicherbar sind. Viele Menschen fühlen sich von der Präsenz von Tieren angezogen und es liegt nahe, die wohltuende Wirkung  zu nutzen. Hier wird nicht kritisiert, be- oder verurteilt, dick/dünn, schön/hässlich, dumm/schlau spielen keine Rolle. Die Tierreaktionen sind direkt und unmittelbar. Heilungs-und Entwicklungsprozesse können angeregt oder verstärkt werden.

Die Kinder selber meinen auf die Frage, was sich verändert habe, seit die Tiere da sind: „Es ist schöner so, und wir sind lieber hier!“

© 2019 Magnus CMSPlus

Für die Nachbarn und Wanderer Richtung S.Cyrill gibt’s seither jedenfalls immer was zu sehen längs des Weges, auch scheinen sich Berührungsängste abgebaut zu haben, denn oft werden wir angesprochen auf die Arbeit mit den Tieren, teils sogar auch unterstützt.
Wunderschön anzuschauen war diese Jahr die gemeinsamen Heuernte mit vielen kleinen und großen Helfern am steilen Hang.

So sind die Tiere nicht mehr wegzudenken im Südtiroler Kinderdorf

Sie bereichern durch ihre vielfältigen direkten und indirekten Betätigungsfelder oder einfach nur ihre Präsenz das Leben der Kinder, Jugendlichen, ihrer Eltern und ErzieherInnen.

© 2019 Magnus CMSPlus© 2019 Magnus CMSPlus

© 2019 Magnus CMSPlus © 2019 Magnus CMSPlus