Mein Praktikum im Südtiroler Kinderdorf

Im Rahmen meiner Arbeit als Sanitäter beim Weißen Kreuz Brixen sollte ich einen Jungen aus dem Südtiroler Kinderdorf mit der Ambulanz ins Krankenhaus Meran bringen. Der Junge wollte die Ambulanz ohne Betreuer nicht besteigen. Die Art und Weise wie der Betreuer die Situation löste, seine wertschätzende Kommunikation mit dem Jungen, faszinierten mich. In diesem Moment erwachte in mir das Interesse mehr über die Arbeitsweise im Südtiroler Kinderdorf  zu erfahren.

Es ergab sich die Möglichkeit mit dem Betreuer ins Gespräch zu kommen. Ein sehr  aufschlussreiches Gespräch entstand. Der Betreuer fragte mich, ob ich nicht Interesse hätte, ein Praktikum im Kinderdorf zu machen, um die Struktur kennenzulernen.

Wie der Zufall spielte, war kurz darauf ein Erste Hilfe Kurs im Kinderdorf anberaumt, den ich zugewiesen bekam. Diesen erkannte ich  als Chance ein wenig mehr Einblick in die Struktur zu bekommen, um meine Entscheidung hinsichtlich des Praktikums leichter zu fällen. Die Gruppe hat mich gefordert wie selten zuvor. Nachdem ich Herausforderungen mag,  war die Entscheidung gefallen: Ich mache ein Praktikum im Kinderdorf. Dazu nahm ich sechs Wochen unbezahlten Urlaub im Frühjahr 2014.

Am Ostermontag hatte ich meinen ersten Tag. Eine Betreuerin stellte mir alle Jugendlichen im Haus vor. Am späten Nachmittag machten wir einen Abstecher auf den Domplatz, um ein Eis zu essen. Ich war erstaunt darüber, mit welcher Fröhlichkeit und Lockerheit die Betreuerin mit den Jugendlichen umging. Ich selbst hatte noch keine Ahnung wie und über was ich mit den Jugendlichen reden könnte.

So ging der erste Tag zu Ende und ich war positiv überrascht. Am darauffolgenden Tag beobachtete ich die Betreuer und stellte mir die Frage, wieviel diese Menschen an Liebe, an Beziehung, an Mitgefühl in diese Struktur tragen. Ich versuchte es auf meine Arbeit zu kopieren. Ob Kinder, Jugendliche oder Patienten, wir arbeiten mit Menschen, egal welcher Herkunft,  welcher Beeinträchtigung und welchen Alters. Nach einigen Tagen kam ich in eine Krise. Ich hatte das Gefühl ich müsste irgendwas erreichen, irgendwas bewirken. Hätte mir jemand eine Schaufel gegeben und mich damit beauftragt ein tiefes Loch zu graben, hätte ich es mit Begeisterung getan. Ich wollte nicht mehr nur beobachten, sondern aktiven Einfluss auf das Geschehen, auf das Leben der Jugendlichen nehmen. Eigentlich wollte ich zu diesem Zeitpunkt das Praktikum hinschmeißen, weil ich das Gefühl hatte, dass ich hier nichts erreichen kann. Eine Lösung dieses Gefühlskampfs schien nicht in Aussicht. An einen Mittwochmorgen beobachtete ich einen Betreuer, der einer Jugendlichen einen Stein in die Hand gab. Er bat sie, diesen Stein den ganzen Tag in der Hand zu behalten und sich darüber Gedanken zu machen, was der Stein ihr sagen möchte. Ich war fasziniert von dieser – für mich – ungewöhnlichen Intervention. Ich bat den Betreuer um eine Erklärung. Ich bekam eine geniale Antwort. Diese Jugendliche sollte sich primär nicht Gedanken über den Stein, sondern über sich selbst machen. Sich über den Stein hinaus mit sich selbst beschäftigen und sich selbst spüren.

Die Tage vergingen zwischen Einkaufen, Kaffeetrinkern, Kochen, Mensch- ärgere-dich- nicht- spielen, Gesprächen, Beobachtungen, Reflexionen, Spaziergängen, Fußballspielen, Besuchen der anderen Häuser und  Kinderbetreuung beim Nachbarhaus wie im Fluge.

Ich bin fasziniert mit welcher Ruhe und Gelassenheit diese Struktur funktioniert. Ob Gärtner, Hilfskraft, Betreuer, Hausleiter, Direktion oder Praktikant -  jede dieser  Figuren wird respektiert und wertgeschätzt. Kinder, ja eigentlich fast noch Säuglinge, Jugendliche, egal welcher Herkunft, unabhängig von ihrem Verhalten, werden respektiert und unterstützt. Ein Fehlverhalten wird nicht bestraft. Es wird aufgezeigt und mit dem Verursacher über das Verhalten und seine Konsequenzen für die Gruppe und den Einzelnen gesprochen. Der Ansatz ist, den dahinterliegenden Grund zu erforschen, wieso das Kind, der Jugendliche dieses Verhalten gezeigt hat. Was mich noch faszinierte war, dass trotz Fehlverhaltens die Kinder und Jugendlichen immer eine neue Chance bekamen. Immer wieder, bis sie – so denke ich – es von alleine verstanden haben. So können sie zu den Betreuern ein Vertrauen und eine Beziehung aufbauen.

Was sich für mich als das Besondere herauskristallisiert hat, sind das Verhalten und die Kommunikation nicht nur mit den Kindern, sondern auch zwischen dem gesamten Personal, die Gleichwertigkeit zwischen allen Angestellten. Die transparente Fehlerkultur, die im Kinderdorf gelebt wird, ist eine große Stärke. Fehler werden gemacht, Fehler werden aufgezeigt, Fehler werden aber nicht bestraft. Man bekommt den Zuspruch, die Unterstützung aus Fehlern lernen zu dürfen.

Ich stellte der Direktion die Frage, wieso es in dieser Struktur das sogenannte „Anschwärzen“ unter den Mitarbeitern nicht gibt. Wieso kommunizieren alle offen und mit Respekt den Andern gegenüber? Beides Mal fragende Gesichter. Für die Mitarbeiter vor Ort ist ihre Umgangsweise selbstverständlich und sie erachten sie als Grundlage ihrer Arbeit.

Durch das Vorleben dieses respektvollen Umgangs miteinander, färbt das wertschätzende Verhalten auf die gesamte Struktur und letztlich auch auf die Betreuten ab.

Diese Erfahrungen,  diese Freundschaften sind für mich unverzichtbar geworden. Sehr viel von dem was ich erlebt habe, kann ich für meine persönliche Einstellung mir selbst gegenüber und auch meinen Mitmenschen gegenüber ummünzen. Meine schnelle Etikettierung eines Menschen kann ich verwerfen. Es lohnt sich, sich nicht gleich nach dem ersten Eindruck eines Menschen ein Gesamtbild zu machen.

Meraner Hansjörg